Das wahre Gesicht des "Killers"  

Gansbaii Südafrika, Oktober 2004

Schon fast 2 Stunden lang hänge ich nun schon mit der Kamera im Anschlag auf  6 Meter Tiefe zwischen riesigen Tangpflanzen und schaue mir die Augen aus dem Kopf.
Die Wassertemperatur hier unten am Kap der guten Hoffnung beträgt nur knappe 12 Grad und trotz Trockenanzug schlottere ich wie Espenlaub.
Doch aufgeben will ich noch nicht, denn ich hoffe noch immer, dass in der diffusen Ambiance des grünblauen Wassers das Tier auftaucht, dessentwegen ich hierher gekommen bin - der grosse weisse Hai!

Treffpunkt der Haie
Vor mir in dem schmalen Kanal, welcher Dire -Island  und Geihser Rock trennt, patrouillieren die weissen Haie hin und her und halten nach Beute Ausschau. 
Die gibt es hier im Überfluss, denn auf Geisher Rock lebt eine der grössten Robbenkolonien am Kap der guten Hoffnung. 
Das ist mitunter der Grund, dass in den südafrikanischen Wintermonaten Mai bis Oktober weisse Haie in grosser Zahl hier anzutreffen sind. 

Seehunde stehen zuoberst auf der Speisekarte des grossen Weissen. Doch ist es selbst für diese perfekten Räuber sehr schwierig,  die flinken Warmblüter zu erwischen. Wenn es hoch kommt, frisst er zwei bis vier Seehunde pro Monat und muss sich zwischendurch  von anderen Fischen und am Boden lebenden Haien ernähren. 

In den Tangwäldern, die sich rund um die Inseln ausdehnen, können sich die Seehunde aber einigermassen sicher fühlen und tollen herum wie die Irren. 
Ich bin zur Zeit der Mittelpunkt ihres Treibens und es macht ihnen riesig Spass, an meiner Ausrüstung, den Flossen und Schläuchen zu zerren. 
Diese Ausgelassenheit und der angeborene Spieltrieb werden aber vielen von ihnen zum Verhängnis. Wehe, wenn sie dabei zu weit  in den Kanal hinaus schwimmen, innerhalb kurzer Zeit würden sie von den Haien lokalisiert und angegriffen. 

Scheue Tiere
Haie, und das gilt auch für die grossen Weissen, sind bei weitem nicht die Bestien, wie sie im Film "Jaws" und anderen Horror-Reissern dargestellt werden. 

Das Gegenteil ist der Fall. Haie sind scheue Tiere und speziell Taucher, deren Atemgeräusche und Luftblasen unangenehme Reizungen ihrer Sinnesorgane  auslösen, werden gemieden. Aber auch sonst ist der Mensch  für den Hai etwas Unbekanntes und passt überhaupt nicht in sein Beuteschema. Sein  hochentwickelter Raubtierinstinkt rät ihm deshalb, besser keine Konfrontation einzugehen. 

Die Chance, als Taucher einem weissen Hai einmal unter Wasser zu begegnen, ist eins zu 10 Millionen!!

Das ist mitunter der Grund, dass es sehr schwierig ist, Haie überhaupt vor die Kamera zu bekommen.  Wenn man aber das Verhalten und den ausgeprägten Raubtierinstinkt der Tiere kennt, kann man das gezielt ausnutzen. Eine Garantie, ob der Hai dann auch noch mitmacht, gibt es aber nicht. Doch genau darin liegt ja die grosse Herausforderung bei der Tierfotografie. 

Hier um die Inseln stehen die Chancen gut,  da die Haie  einen  relativ kleinen Raum zu ihrem Jagdgebiet gemacht haben. Wenn man, wie beschrieben, stundenlang in den Tangwäldern lauert, ist es gut möglich, dass ein Tier nah genug vorbei schwimmt. 
Eine andere Technik ist, ihre übernatürlichen Fähigkeiten, Blut und Fischöl meilenweit zu riechen, auszunutzen.
Mit Thunfischleber und anderen Fischködern, die im Wasser verteilt werden, können Haie angelockt werden. Haben sie den Geruch lokalisiert, folgen sie dieser Spur bis zum Ort des Geschehens.

Doch selbst wenn sie ums Boot schwimmen,  muss sehr vorsichtig mit ihnen umgegangen werden. Hektische Bewegungen, Wellenschlag,  Schlagschatten von Menschen oder Schiffsaufbauten  genügen,  um sie zu vertreiben. 
Sind zusätzlich noch Taucher im Wasser, ist Ruhe angesagt. Heftiges Atmen, schnelle Bewegungen oder gar auf sie zuschwimmen, schlägt sie in die Flucht. 

Alle diese Fakten widersprechen also total dem Killerimage, wie es von den Medien seit Jahrzehnten, und leider immer noch, so gerne verbreitet wird. 

Dafür haben Haiforscher heute genügend Beweise. Auch diese meine Bilder zeigen ganz klar:  Die nach unten gebogenen Brustflossen weisen deutlich auf ein Fluchtverhalten hin,  denn diese Stellung erlaubt es dem Hai, auf beide Seiten abzudrehen.

 

Vom Aussterben bedroht
Der grosse weisse Hai galt seit jeher und gilt  noch immer als Menschenfresser. Das Killerimage ist einfach nicht von ihm weg zu kriegen, auch wenn weltweit jährlich nur 2 bis 3 Menschen von ihm verletzt werden. 
Sind es Verwechslungen oder nur sog. Gaumenbisse?  Das herauszufinden, beinhalten zur Zeit die Experimente von Haiforscher Dr. Erich Ritter.

Falsch ist auch die Meinung, dass Haie, wenn sie einmal Blut gerochen haben, in einen tödlichen Fressrausch verfallen. Um Haie vor die Kamera zu bringen, habe ich seit jeher Blut und Köderfische verwendet. Bei vielen  hundert Begegnungen, auch mit mehreren Tieren gleichzeitig, wurden wir nie angegriffen oder gar gebissen. 
Dass sich Haie Booten nähern, hat nichts mit Mordlust zu tun. Heute wissen wir, dass elektrische Felder, die durch Metall und Motoren erzeugt werden, die Tiere anlocken können. 

Noch viele andere Erfahrungen, die im und unter Wasser mit Haien gemacht wurden, zeigen klar, dass mehr als die Hälfte, was über Haie, speziell den Grossen Weissen, geschrieben wird, falsch ist. 
Und niemand findet etwas dabei, die Haie zu dämonisieren. Das hat der Mensch schon immer getan und Haie schien es in unendlicher Zahl zu geben. 

Heute wissen wir, dass diese erlesenen Geschöpfe der Evolution - von der Natur äusserst wirkungsvoll dazu ausgestattet, das ökologische Gleichgewicht in den Meeren aufrecht zu erhalten  - keine Bösewichte sind.
Diese perfekten Jäger sind heute die Gejagten - ihnen droht nämlich eine katastrophale Dezimierung und einige Arten sind bereits vom Aussterben bedroht. Weltweit werden jährlich 100 Millionen Haie getötet!!

Wissenschafter schätzen,  dass die Bestände einiger Haiarten weltweit um 80 Prozent zurückgegangen sind.
Obschon für den weissen Hai keine exakten Zahlen bekannt sind, besteht gleichwohl Einigkeit darüber, dass die heutige Anzahl nicht mehr ausreicht, um die Population aufrecht zu erhalten.  

Aug in Aug mit dem Grossen Weissen
"Haai op die aas" ruft Andre Hartman in kehligem Afrikaans und zeigt nach achtern, wo eine stahlgraue Rückenflosse die von Wind und Wellen aufgewühlte Wasseroberfläche durchschneidet. Sicher mehr als zwei Meter dahinter schlägt das halbmondförmige Blatt der Schwanzflosse und treibt den riesigen grauen, leicht braun gescheckten Körper auf uns zu. 

Mehr als drei  Stunden lang haben wir in unserem kleinen Boot ausgeharrt und in regelmässigen Abständen immer wieder kleine zerriebene Stücke von Thunfischleber ins Wasser geworfen.
Niemand weiss wie weit der Geruch von der Strömung weggetragen wurde, doch eines ist sicher; Der Grosse Weisse vor uns hat ihn irgendwann in seine Nase bekommen und ist ihm  auf direktem Weg, wie ein Flugzeug dem Leitstrahl, zu unserem Boot gefolgt.

Jetzt gilt es, das Tier nicht wieder zu verlieren. Dafür sorgt Andre,  sicher der grösste Experte im Umgang mit weissen Haien. 
Er kniet auf der kleinen Plattform am Heck und  wirft dem Tier vorsichtig ein grosses Stück Thunfisch vor die Nase, welches an einer dicken Leine befestigt ist. Langsam zieht er diese wieder ein, wobei der Hai, total auf den Köder fixiert, langsam aber sicher zum Boot folgt.  

Jetzt,  wo der grosse kegelförmige Kopf fast den linken Motor berührt, taucht Andre seine Hand ins Wasser. Es scheint, der Hai realisiere erst jetzt die unmittelbare Nähe des Bootes, denn er leitet ein abruptes Bremsmanöver ein. 
Dadurch steigt sein Kopf direkt vor mir aus dem Wasser und ich blicke aus nur knapp einem Meter in sein riesiges Maul. Mehr als deutlich kann ich die spitzen Fangzähne des Unterkiefers und die grossen, messerscharfen Dreiecke des heruntergeklappten Oberkiefers sehen.Sie gaben dem Tier vor Jahren den Namen:  Carcharodon carcharius - der mit den gezackten Zähnen.

Andre wölbt die Hand um die Nase, als wolle er ihn streicheln. Der Hai legt seinen Kopf noch weiter zurück und verharrt in dieser Stellung, als stünde er mit dem Menschen in einer geheimnisvollen Verbindung. 
Es herrscht absolute Stille, dass einzige Geräusch kommt nur aus meiner Kamera, die Bild für Bild einfängt, wie ein Mensch das grösste Raubtier auf unserem Planeten hypnotisiert!!
Der Augenblick scheint endlos. Tatsächlich dauert die Szene aber nur wenige Sekunden, bis Andre seinen Arm zurückzieht. Noch einige Herzschläge lang schwebt der Hai in der Luft, bevor er seitlich ins Wasser zurück sinkt.  Noch kurz leuchtet sein weisser Bauch auf, dann verschwindet er in der grünblauen Tiefe.

Diese Reaktion der weissen Haie stellen Wissenschafter natürlich wieder vor neue Rätsel.
Ist es eine Art "tonische Immobilität", verursacht durch die Körperspannung des Menschen, die von Haien millionenmal verstärkt spürbar ist? 
Überreizt das Magnetfeld des Menschen sein Gehirn oder ist er ganz einfach verwirrt, weil seine Zähne nicht zu fassen kriegten, was ihm so nah erschien?

Mir ist das aber eigentlich egal!  Mit geht es darum, den Grossen Weissen ins rechte "Licht " zu setzen und sein Image als  "Killer" zu zerstören!
Denn positive Werbung hat er dringend nötig.  Sonst kann es sehr bald sein, dass dieses Tier, welches  6 Millionen Jahre unverändert überlebte,  durch den Menschen weiter dezimiert wird, so dass es in ca. 50 Jahren aus den Ozeanen verschwunden sein wird.

 

  Zum Statement von Haiforscher
Dr. Erich Ritter
 !!
 
 

 

Hier sind die spektakulären Bilder zu finden

 

 

 

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