Kurt Amsler - mit allen Wassern gewaschen !

                                                                                                                                                      

                                                                                 Von Peter Jaeggi

 

 

Der Schweizer Kurt Amsler (63) gehört zu den weltweit führenden Unterwasser-Fotografen. Weit über hundert Auszeichnungen und ein Weltmeistertitel zeugen von seinen Qualitäten. Er ist aber auch Film- und Buchautor und seine Reportagen erscheinen in Magazinen rund um den Globus..Seit über 25 Jahren ist der Vollprofi immer mehr zum engagierten Kämpfer für bedrohte Meerestiere geworden.

 

«Man kann einen Delphin enthaupten und er lacht noch immer.» – Delphinarien sind für Kurt Amsler kein erbauliches Thema. Mit der zynisch-makabren Bemerkung spielt er auf die oft missdeutete Anatomie des Delphingesichtes an. «Wenn Tiere der Natur entrissen und zum Geldverdienen der Volksbelustigung ausgesetzt werden, hört bei mir der Spass auf.» Delphinarienbesitzer, die behaupten, ihren Tieren gehe es blendend, bezichtigt er öffentlich der Lüge. «Warum sind alleine beim Schweizer Kinderzoo „Knie“  bis zur Schliessung des Delphinariums 18 Delphine gestorben...?», fragt er sich.  Warum soll es denn in anderen Delphinarien, z.B im Deutschen  Duisburg besser sein.

Mit Reportagen über das Schicksal der in wassergefüllten Betonbunkern zum Wahnsinn getriebenen Meeressäugern will Kurt Amsler die Menschen aufrütteln. Mit seinen Geschichten aus der Karibik über die Rehabilitation und Freilassung von einst gefangenen Kleinwalen kämpft er für eine bessere Delphin-Zukunft. So lange bis Peterchen eines Sonntagmorgens zu Papi sage: Ich möchte lieber ins Schwimmbad als zuschauen gehen, wie Flipper langsam stirbt.

 

Dieses Jahr wird Kurt Amsler 59 Jahre alt und er ist noch kein bisschen müde, gegen menschliche Grausamkeiten, unter denen seine Schützlinge leiden, zu kämpfen. Zum Beispiel die Meeresschildkröten. Vor 20 Jahren lancierte er mit seiner Organisation «SOS Meeresschildkröten» eine weltweite Informationskampagne; seine Schildkröten-Reportagen sind inzwischen über fünfhundert Mal publiziert worden. Eben jetzt läuft gegen die Insel Bali, wo laut Amsler jährlich noch immer 25 000 Schildkröten abgeschlachtet werden, eine Aktion das morden endlich zu stoppen.  Urlaubern und Tauchern empfiehlt er, das Land zu boykottieren. So lange bis die Regierung in Bali, rigoroser gegen die Schildkrötenfänger und Händler vorgeht.

Als Sonderbotschafter und Ehrenmitglied bei der Deutschen Organisation "SHARK-PROJECT"  setzt er sich für dies bedrohten Jäger der Meere ein.   

Warum wird einer wie er ist? – Ist es Vater Walter, ein Fotograf, der mit Heinrich Harrer zusammen die Eiger-Nordwand bezwingt? Auf jeden Fall geht der Einfluss mindestens soweit, dass sich klein Kurtli bereits mit acht Jahren entschliesst: Ich werde Fotograf. Noch heute erinnert er sich, wie er fasziniert in Vaters Labor steht und die langsam durch die Entwicklerflüssigkeit auftauchenden Bilder bestaunt. Dieses Werden ist es, das ihn fesselt.

 

Über seinen Vater sagt sein Sohn heute: «Er war mein Vorbild und hatte viel Verständnis für meine Ideen.» So alltäglich sind diese Ideen nämlich in dieser Zeit nicht. Wie viele Jungen verschlingt auch er die Bücher von Hans Hass. Besonders die »Drei Jäger auf dem Meeresgrund» lassen ihn nicht mehr los. Nach der Lektüre, er ist eben Neun, weiss er: Ich werde Taucher. Deponieren andere Hass´sches Gedankengut in der Abteilung Phantasie und Unerreichbarkeit, schreitet Klein Kurt zur Tat und bastelt sich einen  Taucherhelm mit einem ziemlich abenteuerlichen Design. Ein Blechkanister, ein paar Meter Gummischlauch, Plexiglas, ein Stück Eisenbahnschiene als Gewicht, Schiffskitt und eine Handpumpe aus der Dorfgarage.

iAas alles zusammen ergibt eine Ausrüstung, die tatsächlich funktioniert. Seine Freunde lässt er oben pumpen und er spaziert mit dem Kübel auf dem Kopf auf sechs, sieben Metern so lange auf dem Grund des Zürichsees, «bis ich blau war vor Kälte. Und immer schön aufrecht, damit kein Wasser reinkam.»

 

Die Autoritäten des Dorfes quittieren das Treiben des jungen Amsler zum Teil mit Entsetzen. Ihrer Meinung nach übt er auf die Dorfjugend einen zweifelhaften Einfluss aus. Einmal klopft der Pfarrer an die Tür und meldet den Eltern vorwurfsvoll, dass ihr Sohn «unters Wasser geht, wo doch der Herrgott die Welt erschaffen hat.» Auch der Herr Lehrer könnte sich pädagogisch wertvollere Freizeitbeschäftigungen vorstellen. – Ist es deshalb, dass Kurt Amsler heute zu Autoritäten jedwelcher Gattung ein ziemlich kritisches Verhältnis hat?

 

Es kommt die Zeit, wo´s zu Hause nur noch Fische gibt. Denn auch dies ahmt der kleine Unterwasserfreak dem grossen Hans Hass nach: ein mit Bleischrot gefüllter Bambusstab samt selbst geschmiedeter Eisenspitze ergibt jenen Handspeer, der so manchem Hecht den Garaus macht. Überzählige Fische, die das Essvermögen der Familie übersteigen, verkauft er einem Lebensmittelgeschäft, finanziert sich so Flossen, Masken, Bücher... Er baut seine erste Kamera in die Gummiblase eines Fussballs ein, dichtet sie mit einer Maske ab – die ersten Unterwasserfotos. Mit elf Jahren beginnt er Schlagzeug zu spielen, wird etwas später Mitglied einer Band, mit 16 tritt er am Zürcher Jazzfestival auf, etabliert sich eine Zeitlang in der Jazz-Szene der grössten Schweizer Stadt. Das erspielte Geld wird in die ersten Neopren-Anzüge, in das erste Atemgerät umgesetzt. Und weil ein zielstrebiger Mensch niemals von seinen Vorsätzen abweicht, steigt er «bei einem ganz normalen Fotografen» in die Lehre ein. Industrieaufnahmen, Passbilder, Hochzeiten... «Ich war an so vielen Hochzeiten, sah so viel Frust und erlebte so viele faule Stimmungen, das ich schwor: ich heirate nie.» Aber es war ein Meineid; er hat es nämlich doch getan und gleich zwei Mal: mit 44 Jahren, einmal «normal» und einmal unter Wasser. Jetzt schwärmt er von seinem 14 jährigen Sohn William der bereits schon ein versierter Taucher ist und seiner 7jährigen Tochter Alizèe. Seine  Frau Isabelle, Kinderärztin aus Martinique, ist  natürlich auch begeisterte Taucherin. «Hätte ich mit Dreissig oder gar noch früher geheiratet, wäre so vieles, wovon ich träumte, nicht machbar gewesen; die Träume wären wohl zu Alpträumen geworden.

 

Mit 15 der erste «Meereskontakt» bei Genua.

Nach einer ersten Ausstellung von Schwarzweiss-Bildern von Zürichsee-Fischen, nach dem Erwerb des Fotografen-Diploms und nach vier Monaten härtester Akkordarbeit als Schweisser bei einer Firma für Aufzugbau ist das Geld beisammen für ein weiteres wegweisendes Unternehmen. Mit einem Freund reist er per Eisenbahn, Schiff und Autostop nach Eilat. Im Gepäck ein Zehnliter-Gerät, eine Super-8-Filmkamera und eine Calypsophot, der Vorgängerin der heutigen Nikonos. Als das Geld ausgeht, möbelt sein Freund das Kuh- und Schokoladen-Image seiner Heimat auf und verdingt sich an israelischen Hochzeiten als Jodler, derweil Kurt Amsler seine monetäre Überlebensration als Musiker in einem Nachtclub beschafft. Daneben schuften die beiden in einer nahegelegenen Kupfermine. Der Krampf lohnt sich. Nacht acht Monaten am Roten Meer kehren sie nach Hause zurück. Im Gepäck vor allem eines: sensationelle Bilder. «Wir hatten einfach alles, von Haien bis zu Schildkröten. Das trotzdem ich aus Spargründen pro Tauchgang nur drei bis höchstens zehn Fotos realisierte; ich hatte keine dreihundert Filme dabei wie bei meinen heutigen Einsätzen.»

 

Es ist die Zeit, in der die Kunst der Unterwasser-Fotografie primär darin besteht, dort unten überhaupt ein brauchbares Resultat zu erzielen. Eine der grossen Schwierigkeiten sind die «Birnchen»-Blitze: «Weil die Kontakte nicht gut waren, blitzte es nicht immer.» Mangelhaftes Filmmaterial, kein unterwassertaugliches Weitwinkel-Objektiv... «Legt man heute das Hauptgewicht auf die Bildgestaltung, war es früher die Sorge um die Ausrüstung, die im Mittelpunkt der Bemühungen stand.»

 

Zwar erregen die Bilder aus dem Roten Meer bei Tauchklubs und an anderen Vortragsorten einiges Aufsehen, zwar publizieren Tauchzeitschriften wie Delphin und Neptun seine Fotos – aber zu verdienen gibt es nichts. Dazu kommt, dass bis dato seine taucherische Ausbildung die Marke Eigenfabrikat trägt, in der Tasche lediglich «irgend ein schwedischer Ausweis», das Geschenk eines Tauchzentrums in Eilat. «Ich sagte mir: so geht das nicht.»

 

1968 landet er auf den Bahamas und geniesst eine Ausbildung, «nach der ich sagen musste, dass man in Europa vergleichsweise noch tauchte wie in der Bibel.» Tarierwesten , Zweitautomat,  Finimeter kennt man im hiesigen Tauchbetrieb zu dieser Zeit noch nicht. In der Karibik lernt er auch all die berühmten UW-Fotografen kennen wie Jack MacKenney, Martin Clemens, Flip Schulke vom National Geographic Magazine. «Von denen lernte ich, wie man ein Image aufbaut. Dazu gehört: halten, was man verspricht. Reden können nämlich alle; doch das versprochene Resultat ist oft meilenweit davon entfernt.» Wie baut man eine Reportage auf? Wie präsentiert man seine Arbeiten? «In den anderthalb Jahren Karibik habe ich von berühmten Fotografen-Kollegen unendlich viel gelernt.»

 

«Ich suchte immer Orte, an denen noch kaum einer war», sagt Kurt Amsler über seine eigene Geschichte der Fotografie. So sei er zum Beispiel Tourist Nummer Neunzig auf den Malediven gewesen und der erste im Baa-Atoll. «Ich fotografierte einfach alles und wollte ein riesiges Archiv, ohne genau zu wissen, was mit diesen Bildern geschehen soll.» Erst Anfang der Achtziger Jahre kommt die Wende hin zum Fotojournalismus. «Ich will mit meiner Arbeit eine „Message“ vermitteln, ‹Public Relation› machen für Seen und Meere,» so sein Credo. «Ein Thema aufgreifen, recherchieren, ausfotografieren, schreiben: das ist, was ich heute primär tue.»

 

Seine Bilder und Reportagen werden heute von rund zehn weltweit tätigen Fotoagenturen wie Jacana, Okapia, Diaporama, usw in die Medien gebracht. Neben der journalistischen Arbeit ist <Kurt Amsler auch für die Fotoindustrie tätig. Ist „Testfahrer„ für SEACAM und NIKON und bildet in seiner Fotoschule, an seinem neuen Wohnort in „Les Lecques an der Cote D Azur, Fotografen aus. Er realisiert für Tauchsportprodukte Werbeaufnahmen und ist der offizielle UW-Fotograf für ROLEX, Doch mehr Spass scheint ihm die andere Hälfte seines Jobs zu bereiten. Neben seinem Engagement als Tierschützer sucht er stets das Ausserordentliche, das Sensationelle. So betitelt er eine Produktion, die er fürs Schweizer Fernsehen realisierte, als das «Tor zu Hölle»: Eine spektakuläre Kamerafahrt durch die Unterwasserwelt der Verzasca, einem Wildbach im Tessin, ein Gewässer mit gefährlichen Strudeln und Wirbeln, die Hobbytauchern schon zum tödlichen Verhängnis wurden. Seine Aufnahmen von Mensch und Hai auf Tuchfühlung, 1979 , gingen weltweit durch die Medien - ich wollte einfach beweisen, dass der Hai kein Menscherfresser und Mörder ist!

Mit grosser Begeisterung berichtet er von seiner Expedition zur «Tamaya». Der sagenumwobene Zweimaster gehörte zu jenen dreissig Schiffen, die 1910 beim Vulkanausbruch in Saint-Pierre auf Martinique samt Mannschaft untergingen. Kurt Amsler war der erste, der das auf über 9o Metern liegende Wrack dokumentierte. Das Unternehmen, das manchen als ziemlich waghalsige Geschichte erscheint, ist für Kurt Amsler ein «kalkuliertes Risiko». Dazu gehören für ihn: ein eine Spitzenkondition, die er sich mit ca. 4000 Km jährlich auf dem Mountainbike erhält, eine minutiöse Vorbereitung, zu der auch das entsprechende Training gehört und in Sachen Ausrüstung «das Beste vom Besten.» Nein, in lebensgefährliche Situationen sei er noch nie geraten. «Es gab aber Einsätze, die ein durchschnittlicher Sporttaucher nicht überlebt hätte; denn viele denken nämlich nicht über ihre Nasenspitze hinaus, tauchen zum Beispiel mit nur einem Automaten, verlassen sich allein auf ihren Computer und vergessen dabei die Tabelle, die bei einem Elektronikausfall lebensrettend sein kann... Viele nehmen beim Nacht-Tauchgang nur eine Lampe mit... Das alles hat mit kalkulierbarem Risiko zu tun.»

 

Der Mann, der in seinem Leben  weltweit sämtliche wichtigen Fotografie-Peise  gewann, dessen Bilder die Frontseiten zahlreicher internationaler Magazine schmückten), der Buchautor und Filmemacher berichtet jedes Mal, wenn man ihn trifft von einem neuen, aufregenden Projekt. Nachdem er bereits bei Filmproduktionen wie «La Grand Bleu» und »Atlantis» als Standfotograf angeheuert wurde, steht ihm jetzt das vielleicht attraktivste Angebot aller Zeiten ins Haus: Während der nächsten fünf Jahre periodisch unterwegs sein in allen Weltmeeren als Fotograf mit einem Filmteam „ Deep Ocean Challenge“ heisst diese submarine Fernsehserie – ein 20-Millionen-Dollar-Projekt. Kurt Amsler schwärmt: «Die haben ein Boot, das grösser ist als Cousteaus Calypso, inklusive zwei U-Booten; für die ist der geplante Abstecher zur Titanic kein Problem.»

 

Kurt Amsler, ein Abenteurer? Einer, der alles daran setzt, möglichst alle seiner Träume zu realisieren? Wie sieht er sich selber? Er lacht. Das sei schwierig. «Im Prinzip bin ich zufrieden mit dem was ich gemacht und was ich immer noch tue...........Und: «Viele sehen mich als einer, der einfach seinen Weg geht, der alles, was er sich vornimmt, auch macht- das hat schon was wahres an sich.